Unsichtbare Augen

Anja Krystyn, Foto: Harald LachnerIch werde öfters gefragt: „Warum hast du damals nicht gesagt, dass es dir schlecht geht?“ Meine Gegenfrage: „Hat man es mir nicht angesehen?“ Als Antwort kommt verwundertes Kopfschütteln, manchmal Achselzucken. Offenbar hat niemand so genau hingesehen, da ich als fröhlich, selbständig und leistungsstark bekannt war. Eine, die sich nicht unterkriegen lässt.

Ich erinnere mich an die ungläubigen Blicke, als ich das erste Mal über Erschöpfung sprach. Selbst nahestehende Menschen nahmen mich nicht ernst, manche hielten mich für eine Simulantin. Als eines meiner Augen plötzlich nicht mehr sehen konnte, war ich die Einzige, die es merkte. Nach außen sah das Auge ganz normal aus, mit Lidschatten und Wimperntusche noch schöner. Nur der medizinische Befund zeigte die Wahrheit. Als er sich besserte, galt ich für meine Umgebung als gesund. Weiterhin wurde von mir Leistung erwartet, die ich bereitwillig lieferte.

Diese Krankheit ist tückisch, weil oft lange unsichtbar. Selbst als die Diagnose kam, habe ich lange darüber geschwiegen. Hätte ich hinausgehen und jedem meine Erschöpfung ins Gesicht schreien sollen? Mich hinlegen und nicht aufstehen, bis jemand mein Problem beachtet? Dazu fehlte mir der Mut. „Du kannst doch zwölf Stunden mit dem Nachtzug fahren, Fliegen ist zu teuer.“, ist ein Spruch wohlmeinender Mitbürger aus dieser Zeit.

Um das Unsichtbare zu erkennen, muss man genauer hinsehen. Nachzufragen: „Wie geht es dir wirklich?“ ist nicht indiskret. Vielleicht unüblich in Zeiten sozialer Netzwerke, wo jeder alles über sich postet. Nein, nicht alles, nur das Tolle, Schillernde, mit dem man viele Likes und Aufmerksamkeit erntet. Ausgelaugt und deprimiert zu sein, passt nicht ins strahlende Selfie. Krankheit sichtbar zu machen, muss schon etwas Glamouröses haben, sonst ist es langweilig. Außerdem: wer will schon das Stigma der Unheilbarkeit aufgedrückt bekommen?

Als ich zum Gehen eine Krücke brauchte, war es fast eine Erleichterung. Nun war es endlich sichtbar, ich musste nicht mehr erklären, warum es mir manchmal schlecht geht. Absurd? Keineswegs, die Ignoranz der Mitmenschen begegnet uns täglich. Viele sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihnen Signale Anderer gar nicht auffallen.

Das innere Auge zu öffnen, erfordert Feingefühl, manchmal Stille. Zum Glück gibt es auch Mitmenschen, die einen sensiblen Blick für Andere haben. Man muss vor ihnen nicht den Schleier des Unsichtbaren lüften, bevor sie etwas erkennen. Für diese klugen Seelen bin ich dankbar.

von Anja Krystyn

www.anjakrystyn.eu

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