after all … Bike-Tour Pyrenäen

Josefina „Joe“ Danzinger ist überzeugt, dass Oma immer Recht hat. „Du kannst es schaffen, wenn du willst“, hat sie immer gesagt.

Joe Danzinger: Collage

Ich glaube daran, dass meine Oma immer Recht hat. „Du kannst es schaffen, wenn du willst“, hat sie immer zu mir gesagt. Ein Satz, der mich mein Leben lang begleitet auch. Genauso, wie sie mich begleitet hat, zu meiner ersten Ballettstunde, weil SIE es war, die mich dort angemeldet hat, weil ich unbedingt tanzen lernen wollte, auch wenn ich als „Pummel“ keine Ideal-Kandidatin war. Mit viel Willenskraft und Hartnäckigkeit habe ich es dennoch gelernt. Ihre Hand und ihre Entschlossenheit spüre ich manchmal immer noch.

In meinem Leben habe ich habe viel „geschafft“: Ein Kind alleine großgezogen, mich beruflichen Herausforderungen gestellt, eine Firma gegründet, eine Firma geschlossen, wieder aufgestanden, aufgerichtet, weitergegangen. Weitergegangen bin ich auch, als es so aussah, dass es nie mehr wieder so richtig gut gehen würde – mit dem Gehen. Weil ich gewusst habe, dass ich es schaffen kann, wenn ich will. Genauso wie es mir meine Oma immer gesagt hat. Ich hatte nie Zweifel daran

Mein zentrales Ereignis war meine Motorrad-Tour mit meinem Ex-Partner in die Pyrenäen.

An einem der Abende, an dem sich Regen angekündigt hat, sind wir nach Lourdes gefahren. Ich hatte keine Ahnung, was das in mir auslösen würde. Ich wusste nur, dass ich dorthin will, weil meine Oma immer dorthin wollte und es nie Wirklichkeit für sie wurde. Habe ich es für sie getan? Eine Kerze habe ich für sie dort angezündet und die Tränen sind geflossen beim Anblick von so vielen lachenden, losgelösten und gut gelaunten Menschen in ihren Rollstühlen, die mir entgegen kamen. Ich war wirklich dort. Ich war in den Pyrenäen mit meinem Freund, mit dem Motorrad. Bin nicht selbst gefahren, sondern war Beifahrerin und habe vom Sozius fotografiert.  Fotografieren ist eine meiner großen Leidenschaften neben dem Schreiben.

Ich habe sie wieder gespürt, meine Freiheit. Den Wind in meinem Gesicht und die vielen Eindrücke der atemberaubenden Landschaft. Magische Momente haben sich aufgetan: Zu zweit am Donnerross, gefühlt so wie vor 200 Jahren, so als wäre ich mit ihm am Pferd unterwegs durch die Wälder. Mitten auf einer Landstraße, Sonnenuntergangs-Stimmung und warmer Wind. Er hat meine Hand genommen, während der Motor gebrummt hat und meine Hand geküsst. Das Leben hat sich so rund angefühlt. So als würde sich ein Kreis schließen.

Mit diesem Trip hatte ich  zwar große Vorfreude, aber die Angst, es nicht zu schaffen, hat mich die Wochen vor dem Abflug geknebelt und starr gemacht. So kannte ich mich nicht. Ich wusste, dass ich ES erleben will, nicht zuletzt auch weil ich Angst hatte, ES vielleicht nie mehr wieder erleben zu können.  Während des Fahrens habe ich genau das gespürt und so genossen, was mir während der letzten zwei Jahre abhandenkam: Weite, Unendlichkeit, verbindende Zweisamkeit und die echte Lust all diese Bilder festzuhalten und zu fotografieren. Ich war demütig und dankbar. Ich war wirklich dort.

Und ich war auch wirklich dort, an dem Punkt, wo es fast aus gewesen wäre mit dem Gehen. „Sensibles Querschnittsyndrom“. Mehr mag ich nicht dazu sagen. Und dennoch bin ich weitergegangen und es ist gut ausgegangen – eben weil ich  gegangen bin, immer begleitet von den Satz meiner Oma „Du kannst es schaffen, wenn du willst“.

„Es gibt für ALLES eine Lösung. Mach dir keine Sorgen“. Auch das hat Oma oft gesagt.

Es war „der Trip“ meines Lebens. Ich war so glücklich, während all dieser schönen Momente. Und gleichzeitig traurig. Denn diese Angst, so etwas wunderbares nie mehr wieder erleben zu können, tauchte zeitgleich auf.

An diesem Abend in Lourdes ging ich mit einem neuen, anderem Lebensgefühl schlafen, die Bilder von all den lachenden und singenden Menschen in ihren Rollstühlen gingen mir nicht aus dem Kopf. Am „Morgen danach“ , während des Frühstücks, bekam ich DIE Botschaft, die mich sehr versöhnt hat – genau in dem Augenblick, wo mir ohne Bitterkeit klar wurde, dass es mir egal sein kann, ob ich nochmals die Kraft haben werde, so eine Tour zu machen – denn das, was ich erlebt habe, war einzig.

Während des Frühstücks habe ich Vater und Sohn dabei beobachtet, wie sie vor dem Hotel gemeinsam aufs Bike gestiegen sind. Es war ein Trike (3 Räder): Der Vater am Sozius, der Sohn als Fahrer und hinten drauf wurde der Rollstuhl vom Vater fixiert. Sie sind einfach losgefahren, Vater und Sohn – mit dem Rollstuhl hintendrauf…

Und da war er wieder, Omas zweiter Satz: „Mach dir keine Sorgen, es gibt für ALLES eine Lösung…“

Vater und Sohn haben eine Lösung gefunden. Auch für mich wird es eine Lösung geben. Ob ich nun mit zwei oder drei Rädern, zu Fuß oder am Pferd durch die Wildnis ziehe, ist unerheblich. Was zählt, ist dass ich es getan habe. Das nimmt mir niemand mehr weg – so sehr ist dieses tiefe Gefühl in mir verankert.

Ich wollte in die Pyrenäen. Ich habe es getan. Und ich werde es wieder tun. Wie? Egal und keine Ahnung. Ich weiß es noch nicht. Das, was ich weiß, ist: Du kannst es, wenn du willst. Und – es gibt für ALLES eine Lösung. UND: Oma hat immer Recht.

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Josefina „Joe“ Danzinger

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